Literaturanalyse

Epische Formen

Großformen der Epik

Epos

Merkmale:

  • griech. Wort, Erzählung, Lied, Gedicht
  • erzählende Prosa in gleichartig gebauten Versen oder Strophen
  • geschlossene Form der Großerzählung
  • charakterisierend: gehobene Sprache, typisierende Gestaltungsmittel, eine Zentralfigur oder ein Leitgedanke, Objektivität, Anspruch auf Allgemeingültigkeit
  • Wertpersonentypen
  • Stoff der Mythologie
  • ursprünglich mündliche Überlieferung
  • Heldenepos, Lehrdichtung, Tierepos, Volksepos (später Nationalepos), komischer oder Scherzepos, Bibelepos

Geschichte:

  • entstanden in den Kriegergesellschaften der indoeuropäischen Völker
  • früheste narrative Großform
  • ältestes Zeugnis: Gilgamesch-Epos (ca. 2750 v. Chr.)
  • antiker und mittelalterlicher Epos: Selbstdarstellung vorbürgerlicher Gesellschaften mit ihren Normen und Werten
  • europäische Kultur nachhaltig geprägt: Ilias und Odyssee von Homer (750 v. Chr.)

Beispiele:

  • Äneis (Vergil, 29-19 v. Chr.)
  • Nibelungenlied (um 1200)
  • La Divina Comedia (Dante, 1307-1321)
  • Messias (Klopstock, 1748-1773)
  • Der Rattenfänger von Hameln (Wolff, 1876)
  • Till Eulenspiegel (Hauptmann, 1928)
  • Lehrgedichte von der Natur des Menschen (Brecht, 1941)
Roman

Merkmale:

  • Großform der fiktionalen Erzählkunst in Prosa
  • seit dem 12. Jh. Bezeichnung für in der Volkssprache "lingua romana" verfaßte Werke (Gegensatz: "lingua latina")
  • Erzählung (nicht Lyrik und Drama)
  • Großform (nicht Novelle und Erzählung)
  • Fiktional (nicht Biographie, Geschichtsschreibung,...)
  • Prosatext (nicht Epos)
  • Aufteilung nach: Stoffen und dargestelltem Personal, Themen und behandelten Problemen, Erzählverfahren, erzählerischer Grundhaltung und Zielsetzung, Adressat und Verbreitungsweise

Geschichte:

  • legitimer Erbe des Epos
  • allmählich im 13. bis 16. Jh. aus Prosaauflösung der höfischen Epen entstanden => Erzählungen von Rittertugenden und -liebe, weiterhin gebildetes Publikum
  • Karriere beginnt mit Buchdruck im 15. Jh.
  • seit Mitte des 18. Jh.s vorherrschende und weit verbreiteste Literaturgattung

Beispiele:

  • Simplicissimus (Grimmelshausen, 1669)
  • Don Quijote (Miguel de Cervantes, 1605-1615)
  • Die Leiden des jungen Werthers
  • Madame Bovary (Flaubert, 1857)
  • Der Untertan (H. Mann, 1916)
  • Berlin Alexanderplatz (Döblin, 1929)
  • Die Blechtrommel (Grass, 1959)
Tagebuch

Merkmale:

  • chronologische Ordnung schriftlicher Aufzeichnungen, die sowohl fiktional als auch nichtfiktional sein können
  • Formen: Aphorismen, Dialog, Reisetagebuch, Selbstgespräch

Geschichte:

  • die ersten tagebuchähnlichen Aufzeichnungen stammen aus dem 16. Jahrhundert
  • im 18. Jahrhundert Nutzung verschiedener Geheimschriften als Spiel, Hinzukommen einer religiösen Dimension
  • in der Aufklärung diente die Führung eines Tagebuchs zur Selbstanalyse
  • im 19. Jahrhundert Beginn der Zensur und Selbstzensur, Frauen als Tagebuchschreiberinnen

Beispiele:

  • Tagebuch der Anne Frank
Autobiographie

Merkmale:

  • griech. autos 'selbst', bios 'Leben', graphein 'schreiben'
  • nichtfiktionale Erzählform, die lebensgeschichtliche Fakten über den Autor enthalten
  • Gegenstand der Autobiographie können sowohl äußere als auch innere Erlebnisse des Autors aus seiner Vergangenheit sein
  • Verhältnis des Autobiographen zu seiner Umwelt kann je nach Typus der Autobiographie variieren
  • dadurch sind verschiedene Formen der Bezugnahme auf bestimmte Sachverhalte möglich

Geschichte:

  • schon seit der Antike gibt es Beschreibungen über das eigene Leben unter vielen verschiedenen Bezeichnungen, z.B. Bekenntnisse, Biographie, Erinnerungen, Selbstbiographie
  • die Confessiones (ca. 400 u.Z.) von Aurelius Augustinus zeichneten sich durch eine Vermischung religiöser Elemente mit einer Vielzahl rhetorischer Mittel aus
  • in der Renaissance trat das religiöse Element zurück
  • seit dieser Zeit waren Reihungen von Erlebnissen und Sachverhalten häufig
  • mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts wandte man sich wieder verstärkt der religiös bekennenden Autobiographie zu
  • einer der frühesten autobiographischen Romane ist Anton Reiser (1785/90) von Karl Philipp Moritz
  • der Höhepunkt der Autobiographie wurde durch die Vermischung von fiktionalem und historischem Erzählen in Goethes Dichtung und Wahrheit erreicht
  • im 19. Jahrhundert tendierten viele Autobiographien zu historiographischen Berichten

Beispiele:

  • Anton Reiser (Moritz, 1785/90)
  • Dichtung und Wahrheit (Goethe, 1811/31)
  • Selbstbiographie (Grillparzer, 1853)

Kleinformen der Epik

Novelle

Merkmale:

  • lat. novellus/ novus (=neu) => kleine Neuigkeit
  • Prosa- oder Verserzählung
  • zentraler Konflikt
  • straffe, einsträngige Handlung, mittlerer Umfang, formale Geschlossenheit
  • Zuspitzung auf einen Wendepunkt
  • Strukturierung durch ein sprachliches Leitmotiv (Falkentheorie)
  • zu Zyklen verbunden oder einzelne Novelle in Rahmenerzählung eingebettet
  • Thema: Schicksal eines Menschen

Geschichte:

  • seit der Antike bekannt
  • klassische Form entstand in der italienischen Renaissance (Decamerone, Boccaccio)
  • 1613 "novelas ejemplares" von Cervantes = Höhepunkt in Spanien => Verzicht auf Rahmenhandlung
  • in Romantik: Integration märchenhafter, dämonischer und fantastischer Elemente
  • 19. Jh.: Goethe schuf Novellen sittlich beispielhafter Art
  • 20. Jh.: Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten, Annäherung an andere Formen des Erzählens

Beispiele:

  • Bahnwärter Thiel (Hauptmann)
  • Lieutenant Gustl (Schnitzler)
  • Der Tod in Venedig (Th. Mann)
Kurzgeschichte

Merkmale:

  • gedrängte, bündige Komposition
  • Verzicht auf Rahmen (offener Anfang und Schluß) und Verzicht auf Illusion
  • Typisierung der Personen
  • Neutralisierung der Umgebung
  • Geschehen präsentiert sich ausschnitthaft
  • entscheidender Moment eines Menschen wird dargestellt
  • Reduktion des "unerhörten Ereignisses" inmitten einer alltäglichen Begebenheit
  • Verwendung moderner Erzähltechniken (z.B. Aussparung des Narrativen)
  • Betonung der Brüchigkeit der Wirklichkeit
  • Vorliebe für Außenseiter der Gesellschaft

Geschichte:

  • Lehnübersetzung der amerikanischen "short story", aber nicht deckungsgleich mit dieser, da in der deutschen Literaturgeschichte die Kurzgeschichte abzugrenzen ist, gegenüber anderer Kurzprosa (z.B. Novelle)
  • vor 1945 Dominanz der Novelle => Verhinderung einer frühzeitlichen Entwicklung
  • nach 1945: Blütezeit
  • Inhalt: Aufbereitung der Vergangenheit

Beispiele:

  • Wolfgang Borchert: Die Hundeblume, Die Küchenuhr u.a.
  • Wolfdietrich Schnurre: Das Begräbnis
Anekdote

Merkmale:

  • griech. andekdoto = etwas noch nicht Herausgegebenes
  • gibt Einblick in Leben meist bekannter Persönlichkeiten
  • prägnante Knappheit der objektiven Geschehensdarstellung, oft in heiterer Weise formuliert
  • schlagkräftiger Aufbau der Pointe (=Lösung der Spannung)
  • einzelnes Ereignis ist Gegenstand
  • Wahrheitsgehalt steht nicht im Mittelpunkt
  • wesentlicher Bestandteil von Biographien, Chroniken und anderen Prosagattungen

Geschichte:

  • Ursprung um 500-562 Schrift: Anekdota
  • als anekdotenartige Geschichten in Form mündlich gepflegter Gebrauchskunst seit ältester Zeit tradiert
  • 14./15. Jh. Anekdote als selbständige literarische Form
  • 17./18. Jh.: Memoirenliteratur (=Lebensbeschreibung bekannter historischer Figuren, im Sinne von Episoden charakterisierend)
  • 19. Jh. Wandel zur epischen Kleinform

Beispiel:

  • Hebel: Rheinisches Schatzkästlein
Parabel

Merkmale:

  • griech. = das Nebeneinanderwerfen, Gleichnis, Vergleich
  • allgemeiner, zur Erzählung erweiteter Vergleich, von einem Vergleichnispunkt aus durch Analogie auf den gemeinten Sachverhalt zu übertragen
  • oft gleichbedeutend mit Gleichnis verwendet
  • wendet sich an "Aufzuklärende", um sie im Besonderen das Allgemeine, im scheinbar Fremden das Eigene erkennen zu lassen
  • Werben für sittliche Ordnung/ Weltanschauung
  • argumentierendes Mittel: parabolische Rede
  • Parabel als Grundform des Epischen Theaters
  • kann auch auf allgemeine Wahrheit abzielen, hier sind Grenzen zur Fabel fließend

Geschichte:

  • antike Rhetorik: Parabeln (und Fabeln) => erdichtete Paradigmen (Exempel)
  • in der abendländischen Literatur Ursprung der Parabel in den neutestamentlichen Gleichnissen Jesu
  • moderne Literatur: Darstellung einer verrätselten Welt

Beispiel:

  • Kafka: Auf der Galerie
Fabel

Merkmale:

  • lat. fabula = Rede, Erzählung
  • seit dem 13. Jh. zunächst in abschätzender Bedeutung (lügenhafte Geschichte) verwendet
  • heutige Bedeutung seit dem Humanismus geläufig
  • Zweig der Tierdichtung (heiter)
  • knappe, lehrhafte Erzählung in Vers oder Prosa
  • Handelnde: meist Tiere, diese sind charakterlich eindeutig definiert
  • beschriebene Situation: eine Kongruenz mit menschlichen Verhaltensweisen wird deutlich
  • dargestellter Einzelfall: sinnhaft anschauliches Beispiel für eine Moral
  • Moral wird meist angefügt, kann aber auch vorangestellt, in die Handlung integriert sein oder ganz fehlen
  • Beweiskraft und Reiz => Zusammenspiel von Erzählung und Lehre
  • antithetischer Aufbau
  • wirkt ironisch, verfremdet
  • irreale, paradoxe Handlung verhüllt eine allgemeine Wahrheit

Geschichte:

  • am Anfang der europäischen Fabeldichtung steht Äsop (um 550 v.u.Z.)
  • darauf berufen sich alle späteren Sammlungen
  • zunächst griech. Umdichtung des Babrios
  • später lateinische Sammlungen (Phrädus um 100, Avianus um 400) => in Prosa
  • diese Sammlungen wurden bis ins 16. Jh. als Schullektüre genutzt, wegen ihrer lehrhaften Tendenz
  • 17. Jh.: Beliebtheit in Dtl. eher gering bis zur Zeit der Aufklärung => letzte Blüte in Dtl.
  • 18. Jh.: statt moralisch-ethischer Belehrung bürgerliche Lebensklugheit => Lessing
  • La Fontaine: Kunstfabel

Beispiele:

  • Lessing, Gellert, Gottsched, La Fontaine
Erzählung

Merkmale:

  • im weiteren Sinn: Sammelbezeichnung für epische Gattungen, mündliche oder schriftliche Darstellung von realen oder fiktiven Ereignisfolgen, Prosa oder Verserzählung
  • im engeren Sinn: als Gattung schwer definierbar und gering ausgeprägt, Überschneidung mit epischen Gattungen
    • Erzählung ist kürzer, weniger werthaltig, weniger figurenreich, weniger komplex in der Handlung und Ideengehalt als Roman
    • geschilderten Handlungsabläufe sind ausführlicher als in Skizze und Anekdote
    • keine strenge Komposition, freier in der Anlage und Umsetzung des Erzählten
    • weniger auf ein Ereignis zentriert als Novelle
    • weniger konsequent auf den Schluß hin komponiert als Kurzgeschichte
    • Verzicht auf fantastische oder wirklichkeitsferne Bezüge => realer Hintergrund

Geschichte:

  • Prosaerzählung v.a. in Literatur des 19. und 20. Jh.s zu finden
  • mit dieser Art direkter oder vermittelter Weitergabe von Erfahrenem steckt im Erzählen eine uralte Grunderfahrung des Menschen
  • Vorgeprägte, einer Erzählung zugrunde liegende Geschichte: die Fabel, die Historie, der plot, das Sujet, die story, der Diskurs, die Narration

Beispiel:

  • Stifter: Der Hochwald
Brief

Merkmale:

  • meist nichtfiktionaler Text, der an einen abwesenden Empfänger gerichtet ist
  • kann das subjektive Empfinden und Denken einer Person mitteilen
  • hat persönlichen Charakter
  • Distanz zwischen Sender und Empfänger
  • Sonderform: Briefintrige, bei der sich der Sender für jemand anderen ausgibt
  • Briefroman: Reihung von fiktiven Briefen einzelner oder mehrerer Personen, für deren Authentizität ein fiktiver Herausgeber eintritt

Geschichte:

  • im Mittelalter war das Schreiben von Privatbriefen lediglich auf Kleriker und gebildete Adlige beschränkt
  • der erste überlieferte deutsche Brief stammt vom Anfang des 14. Jahrhunderts
  • der briefliche Verkehr, vor allem im Geschäftsleben, nahm mit der Entwicklung von Handelsbeziehungen rasch zu
  • im 17. Jahrhundert wurde der französische Absolutismus mit seiner höfischen Kultur und Kanzleistil zum Orientierungsmuster deutscher Briefe
  • im 18. Jahrhundert erstarkte beim Bürgertum das Bedürfnis nach persönlichem, schriftlichem Austausch
  • der Realitätsgehalt der Briefe nimmt im 19. Jahrhundert zu, vor allem durch die Reflexion über aktuelle politische Probleme
  • ebenso kommt es zu einer stärkeren Individualisierung und Ästhetisierung von Briefen

Beispiele:

  • Briefwechsel Goethe / Schiller
  • Ein Brief (Hofmannsthal, 1902)
  • Briefwechsel Kafka / Milena Jesenska
Essay

Merkmale:

  • schriftliche Abhandlung einer nicht-fiktionalen Person über deren subjektive Erfahrungen zu einem spezifischen Sachverhalt
  • behandelt meist vertraute Gegenstände, bei denen er bislang Unbekanntes entdecken oder bestehende Meinungen korrigieren will

Geschichte:

  • die ersten Essays entstanden 1580 von Montaigne: Essais
  • in Deutschland werden bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts Essays als 'Gedanken', 'Meinungen' oder 'Versuche' verstanden

Beispiele:

  • Essais (Montaigne, 1580)
Claudio Mende
www.literaturwelt.com